Meine Zeit in San Isidro de El General, Pérez Zeledón, oder wie wir Ticos sagen Pérez, oder PZa, geht zuende. Nicht, dass ich gehen wollen würde. Aber gewisse Umstände (Geld) zwingen mich dazu, diesen wunderschönen Flecken Erde zu verlassen und woanders neu durchzustarten. Übermorgen habe ich Jahrestag in Costa Rica, und ca. 3 Wochen später geht mein Flieger.
Gegen Ende so eines Jahres kommt man natürlich ins Grübeln und Reflektieren. Ich mache mir in den letzten Wochen, seit feststeht, dass ich nun bald weg bin, verstärkt Gedanken über das was hier eigentlich passiert ist, und was es mich gelehrt und was es mir gebracht hat. Könnte sein, dass hier in nächster Zeit n paar ziemlich schwammige Texte auftauchen über den Tico und den Deutschen an sich, interkulturelle Unterschiede und sonstigen Blödsinn. Vielleicht schaffe ichs auch, drauf zu verzichten. Heute fange ich erstmal ganz handfest an mit einem chronologischen Rückblick über die vergangenen 12 Monate … was ging denn ab.
Ich kam an am 07. April 2011, total durch nach 20 Stunden Flug, lernte Danja auf
dem Sofa im Comedor kennen und einige andere, und zog direkt ein ins “Casa Nueva”, wo die vollkommen vercrackten Oscar und Norman auf dem Bett rumlagen und durch ne Pfeife Gras rauchten und ich dachte nur WAS SOLL DAS HIER WERDEN. Danach knapp eine Woche mit Jetlag und Schlafproblemen verbracht und klargekommen.
Nach ca. zwei Wochen die Frage von Mirko, ob ich bock hab ne Website zu bauen. Im Team mit Mirko und Webdesigner Robert eingeschlossen in der Cascada und gebastelt wie die Weltmeister. Allein die Suche eines geeigneten CMS!!! Man man man Robert, was haben wir geschwitzt. Aber nach 6 Wochen fertig geworden und abgegeben das Ding. Ergebnis sichtbar auf www.vida-nueva.co.cr. In der Zeit drei mal jeweils eine Woche Flitzekacke gehabt, so übel wie noch nie vorher in meinem
Leben, am schlimmsten während des Trainingslagers in Longo Mai. Leitungswasser- und Nahrungsmittelbakterien-Umstellung bestimmt. Seitdem absolut abgehärteten Schweinemagen am Start, nie wieder Probleme gehabt.
Schon vor Fertigstellung der Website war Aufbruch der Grupo Fijo und aller Verantwortlicher des Circo FantazzTico nach Europa, drei Monate Tour. In der Folge das große Loch … keiner mehr da! Es folgte der Aufbau einer neuen Auftrittsgruppe um in den drei Monaten trotzdem Shows vor Ort präsentieren zu können. In diesen Wochen Abschied über Abschied von allen Volontären der Saison 2010/2011, jede Woche Party und Tränen. Am Ende chillen mit drei oder vier verbliebenen hartgesottenen Volontären im Comedor.
Doch jedes Ende ist ein Anfang, kurz darauf trafen die ersten Volontäre 2011/2012 ein. Viele verunsicherte Gesichter, viele Fragen, viel Chaos. Viel Umstellung für alle Beteiligten. Inzwischen war es Juli/August und es folgte die Rückkehr der
Europagruppe. Kennen lernen von den “alten” Kindern mit den neuen Volontären, verbunden mit ner Menge Schweiß und Tränen aufgrund rebellierender Kids die die neuen Autoritätspersonen gar nicht akzeptieren konnten. Aber keine Zeit für große Diskussionen, denn am 30. September Auftritt im “Estadio Nacional” vor 10.000 Menschen. Show ausgearbeitet mit Nelly und Christopher, trainiert wie verrückt und Nelly ein 12x4m Banner gemalt … u.a.!!
Nach dem mega Stress und dem Erfolg im Estadio Nacional durchatmen, abhängen mit KreeZee, Konni, Dexter, zeitweise mit David und Styx, dann mit Conny … beste alte und neue Freunde in fremder Umgebung. Schön wars! Wieder viel Feierei,
coole Reisen u.a. nach Nicaragua, viele wichtige und tiefe Gespräche. Mit David und vielen anderen sein Bewerbungsvideo “Die Rothaarige” gedreht, mega coole Sache. Und dann professionellste Arbeit mit Dexter für verschiedene Ticos … viel gelernt, wenig verdient.
Im Dezember mit Trommeln angefangen (Dundunes und Djembe) mit Dario, also meine alte Liebe zum Trommeln wiederentdeckt. Danke dafür an Dario. Mit den neuen Rhythmen im Gepäck und den ganzen Volontären nach Montezuma gereist, um dort Weihnachten und Neujahr zu verbringen. Feuershows jeden Abend mit Jonathan, Carolina, Dario und wechselnden Gästen. Zwei Wochen im Ferienparadies gelebt und keinen Cent
draufgezahlt, war eine geniale Erfahrung. Und Weihnachten unter Palmen schickt einfach nur. Zu Silvester gab es Shrimps am Strand …
Zurück nach Pérez am 2. Januar, direkt darauf nach Granada, Nicaragua. Mit dem Zirkus zum “Berrinche Ambiental”, einem Kunst- und Kulturfestival voller Hippies und Künstlern aus Zentralamerika. Noch mehr getrommelt, viele unglaublich nette Menschen kennen gelernt. Am letzten Tag riesige Show im Zentrum Granadas mit 200 Akteuren und 25 Musikern, der absolute Hammer. Wird auch irgendwann ne Video-Doku geben
glaub ich, freu ich mich drauf. Nebenbei jeden Abend Feuershows mit den heftigsten Feuerjongleuren in der Innenstadt.
Schon seit November immer Kontakt mit Christian aus Dresden gehabt und erfolglos versucht über die Stadt Pérez eine Location für den Bau eines sogenannten Skateparks zu bekommen. Ein Skatepark? Was ist das denn? Dann Mitte Januar Christian und Louie in Empfang genommen, und mit ihnen weitergehustlet, die konkrete Geschichte siehe hier und hier, letzte Episode schreib ich noch die Tage … Seit zwei Wochen steht der Park, jeden Tag sind 50 Skater da am Tricks üben und sich über den Haufen fahren, Sonntag ist die Einweihungsfete. Mission Costa Rica wirkt seitdem für mich irgendwie erfüllt. Die letzten zwei Wochen des Baus mit den Skate-Pros Chat Childress, Al Partenen (beide USA), Hjalte Halberg (Dänemark), Jan Kliewer (Berlin) und Gabriel Engelke (Schweden) und Alex Irvine (GB),
Chefredakteur von Kingpin, abgehangen, Rampen gebaut, Tricks gefilmt und Spaß gehabt. Richtig coole Leute und was ne Ehre mit denen steil zu gehen.
Dann eine Woche Nicaragua mit einer ganz besonderen Person, die Stadt Leon und das Hostel Via Via kennen und lieben gelernt, dort versackt vor der Weiterreise nach Masaya und schließlich Rückkehr nach Granada. Gänsehaut beim erneuten Betreten des Platzes wo die Show dort stattfand, und riesen Freude als einige Straßenkids mich wieder erkannten und fragten wo denn meine Trommel sei.
Seitdem wieder mal zurück in Pérez, schon lange fühlt sich jede Wiederkehr in das beschauliche Städtchen an wie nach Hause kommen. Aber diesmal ist das Gefühl anders, denn ich weiß, dass ich demnächst gehen und nicht ne Woche oder zwei später wieder zurück kehren werde. Wenn ich überhaupt noch mal wiederkommen kann, dann wird es zumindest einige Monate dauern, evtl. sogar Jahre, das hängt von meinem Glück in D ab. Henrik ohne D wird bald wieder zu Henrik in D, wenn auch zum Glück trotzdem noch lange nicht zu Hendrik. Jetzt sitze ich hier und bin irgendwie gar nicht mehr richtig da, chille jeden Tag im Internet und beschäftige mich schon mehr damit was drüben so läuft als was hier passiert, wahrscheinlich unterbewusste Vorsichtsmaßnahme, damit der Aufprall in drei Wochen nicht so hart wird. Ich hoffe ihr lieben Leute in der alten Heimat fangt mich auf – ich bin froh, dass es euch gibt und dass ich euch bald wiedersehen darf. Und dann erzähl ich euch jede der Stories von oben nochmal ganz genau, bis ihr kotzt oder ich.
