Ein Skatepark für Pérez – Episode I

Es begab sich aber zu der Zeit, da kam ich im April 2011 nach Pérez und lernte den Volontär Mirko Rachow (Foto) kennen. Eines der ersten Gespräche mit ihm, an das ich mich erinnern kann, lief ungefähr folgendermaßen.
Mirko: „Hast du Bock ne Website zu bauen?“
Henrik: „Klar, rockt.“

Im Triumvirat mit Webdesigner Robert machten wir uns ran, haben sechs Wochen getüftelt und gebastelt und es kam raus: www.vida-nueva.co.cr. Mirko dabei als Grafiker und ich als Texter unterwegs. Arbeitsklima: Pura Vida.

Später, so im Juli, als fast alle Volontäre der Saison 2010/11 verschwunden waren und wir nur noch zu viert die Circo-Fahne hochhielten, wurden Mirko und ich richtig dicke, eigentlich schon vorher aber in der Zeit dann richtig richtig. Gefeiert ham wa, Musik verglichen, übers Leben philosophiert. Beeindruckt hat mich der Jung’ vor allem in seinen letzten Tagen in Pérez: Nach wochenlangem hin und her hat er den Auftrag bekommen, 150qm Außenwände des „Praditos“, einer unserer Lieblingsbars, neu zu gestalten. Er hatte nur noch sieben Tage bis zum Abflug.

Also ging Mirko los, kaufte eimerweise Farbe, einige Pinsel und Spraydosen, und malte. Er malte sieben Tage lang, von 11 Uhr morgens bis teilweise nach 2 Uhr nachts, fiel tot ins Bett, nur um am nächsten Morgen um 10 aufzustehen und um 11 Uhr weiter zu pinseln. Absolut überheftiger Macker. Wenn ich ihm nicht ab und zu ‘ne Cola und ein Pinto vorbei gebracht hätte, hätte der außer Ziaretten und nach 18 Uhr auch Bierchen glaub ich gar nichts mehr zu sich genommen. Echte Künstler – schön, dass es euch, schön dass es euch gibt! Überflüssig zu erwähnen, dass das Bild am Ende fertig und richtig geil geworden ist.

So. Nebenbei erwähnte Mirko immer wieder was von irgendwelchen Skatern aus Dresden, die nen Skatepark in Pérez bauen wollen. Irgendwelche Kollegen von ihm, ein Typ mit dem er Design gelernt hat, und der ursprünglich vorhatte ne Doku über den Circo zu drehen aber dann lieber nen Skatepark bauen will und das ganze filmen. Ich solle das regeln und so, ich sei ja zumindest zu der Zeit auf jeden Fall noch am Start. Irgendwann im Oktober oder so nahmen Christian (Petzi) und Christian (Böttchi) aus Dresden Kontakt mit mir auf, von wegen sie hätten Geld rangeschafft für den ersten Skatepark in Pérez, geackert dafür seit zwei Jahren, es fehle “nur” ein Ort wo sie den bauen könnten. Ich mich rangemacht, dachte halt das wäre bestimmt easy mit der Municipalidad (Stadtverwaltung, kurz Muni), weil ist ja gut für alle wenn die Skater endlich nen Platz kriegen und nicht mehr am Busbahnhof rumskaten müssen und es kostet die Stadt ja auch einfach mal nichts, weil Petzi das ganze verdammte Geld aufgetrieben hat.

Ich mich dann mit verschiedensten Instanzen der Muni auseinander gesetzt, Freunde und Nicht-Freunde des Projekts vorgefunden und vor allem einen riesigen Berg an Bürokratie. Ich bin fest davon überzeugt, Costa Rica hat irgendwann gehört, dass man um so ein richtig heftig entwickeltes Land zu sein voll die fette Bürokratie braucht, damit man Ernst genommen wird und so. Haben sie hingekriegt. Diese Anfänger.

Die Geschichte mit der Muni ist original zu lang und viel zu langweilig um sie zu erzählen, es ging hin und her, und aufgrund eines Volksentscheids, der zur Abwahl des alten Bürgermeisters und sehr lange NICHT zur Amtseinführung einer neuen Bürgermeisterin führte (Anfänger!), auch drunter und drüber, so dass nun, nachdem ich mehr als drei Monate dran war und Petzi und seine Freundin Luise (Louie), Flori und Ali aus Dresden, quasi mit Hammer und Sichel in der Hand, sowie der Skatepark-Archtikt Arne aus Hamburg, der nur sechs Wochen Zeit mitbringt und ohne den wir es direkt mal vergessen könnten den Park zu bauen, bereits angekommen waren, immer noch nix am Start war. Nichts außer ner Menge „könnte“ und „sollte“ und „ahorita“ und „ya casi“ und „müssen nur noch diese Woche abwarten“, aber kein verdammter Platz von 20x25m wo wir unseren scheiß Beton verschütten dürfen. Anfänger. Die eine Olle von der Stadt kam den einen Tag original mit einem Katalog von 50 Seiten freien zur Verfügung stehenden und sonst nicht weiter benötigten Muni-Locations zu einem Treffen. Und keinen davon haben wir gekriegt. Wenn ich nicht so unerwartet Pura Vida geworden wäre in meiner Zeit hier hätte ich glaub ich zu irgendeinem Zeitpunkt irgendwem von der Muni ganz furchtbares Leid zugefügt. Aber: Nada que ver, está bien! Immer schön lächeln und winken, lächeln und winken, lächeln und winken …

OK jetzt hab ich’s doch schon viel zu ausführlich erzählt, und es war nur ein kurzer Ausschnitt der Geschichte. Der Wendepunkt der Episode I ist unsere Bekanntschaft mit Ricardo (Foto), 17 Jahre alt, ein Skater aus Pérez der hier total aktiv ist, ne kleine Skate-Community namens „Street Foundation“ auf die Beine gestellt hat und mit seinen Rampen, für die er sich voll verschuldet hat, Skateevents in Pérez veranstaltet. Geiler Macker, absolut Pura Vida und hat n Arsch voll Kontakte. Der schleppte uns vergangenen Samstag zu einer Veranstaltung für eine Sportorganisation, mit den Worten „da kommen solche Leute mit richtig heftig viel Geld aus San José!“ Wir, inzwischen mit dem Rücken zur Wand, jeden Strohhalm greifend, hin da, und uns dann auch schon vollkommen fehl am Platze gefühlt, weil das so ne ganz eklige Werbeveranstaltung für eine Sportfoundation war … da stand Ricardo plötzlich auf und hat unser Anliegen vorgetragen, mit treffenden Worten den Pfeffersäcken aus der Hauptstadt und den Zuschauern nahegebracht wie wir hier am hustlen sind. Und wie das Leben so spielt waren da Leute von „Jovenes que salvan Jovenes“ im Publikum, die sich dann Ricardo direkt zur Seite nahmen.

Jovenes que salvan Jovenes ist ein sozialer Verein aus Pérez, mit ähnlichen Zielen wie Vida Nueva, und nem Arsch voll Platz – fast drei Hektar. Die haben nen Fußballplatz, ne Fußballhalle, Duschen, Räume um Workshops zu machen und sogar nen kleinen Kiosk/Imbiss. Und von nix träumen sie mehr, als nen Skatepark zu bauen. BAM. Ein mehr oder weniger optimaler Ort, kostenlos, ohne die Anfänger der Muni, Zusammenarbeit mit Leuten die das gleiche wollen wie wir und den nötigen Freiraum haben, auch geistig. Noch am gleichen Abend mit denen zum Platz gefahren, am nächsten Tag Reunion einberufen mit Vorsitzenden von denen und von Vida Nueva, einen Tag später den Vertrag aufgesetzt. So kannet jehen wa.

Und hier stehen wir also, auf unserem zukünftigen Skatepark, bereit für alles, und warten darauf dass Episode II beginnt – mit mehr Action, noch mehr Drama und Baumaterialien! Coming soon.

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